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Der weggeredete Krieg am Hindukusch

6.2.2017

Unsere Asyl-Helfer, die sich um unsere Afgahnischen Asylbewerber kümmern, bekommen von der Politik immer neue fragwürdigere Steine in den Weg gelegt. Die himmelschreiende Ungerechtigkeit und willkürliche Abschiebepraxis ist eine menschliche Tragödie, die vor Ort nur schwer zu ertragen ist.Unsere Helfer schreiben momentan an verschiedene Persönlichkeiten aus der Wirtschaft, damit sich an der Nichtgestattung von Arbeitsaufnahme und Ausbildung etwas ändert. Das nimmt viel Zeit in Anspruch und die Helfer wissen nicht, ob es etwas bringt. Jedoch aufgeben und den Kopf in den Sand stecken wollen wir schon in Anbetracht unserer Flüchtlinge nicht.

 

 

 

 

 

 

Ein Kommentar von Jürgen Webermann, ARD-Studio Neu-Delhi

 

Quelle: http://www.tagesschau.de/kommentar/afghanistan-kommentar-webermann-101.html

 

Lage am Hindukusch

Ein Krieg, der weggeredet wird

Stand: 06.02.2017 12:18 Uhr

Fast die Hälfte der Fläche Afghanistans ist inzwischen Kampfzone. Die Zahl der Todesopfer steigt. Trotzdem wollen deutsche Politiker Menschen in das Land zurückschicken. Dafür ist ihnen jedes Argument recht - und sei es noch so zynisch.

 

Wie viele Zivilisten müssen sterben, um einen Krieg auch als solchen zu bezeichnen? In Afghanistan ist die Zahl der Opfer für viele Politiker offenbar noch nicht hoch oder dramatisch genug. Der grüne Oberbürgermeister von Tübingen, Boris Palmer, sagte vor kurzem, in Amerika kämen ja ähnlich viele Menschen durch Schusswaffen ums Leben wie in Afghanistan. Und Palmer fragte polemisch, wo es wohl gefährlicher sei: in Chicago oder in Kundus?

 

Ich würde Boris Palmer gerne mal mitnehmen nach Kundus. Aber leider geht das nicht. Es wäre lebensgefährlich. Die Provinz ist zu weiten Teilen in der Hand der Taliban. Aber vielleicht schaut er sich auch einfach mal die wilden Flüchtlingscamps rund um die Hauptstadt Kabul an - einer Stadt übrigens, in der amerikanische Diplomaten lieber den Hubschrauber nehmen, um vom Flughafen in ihre Botschaften zu kommen.

 

Krankheiten, Mangelernährung und Erschöpfung

Es gibt inzwischen zwei Millionen Binnenflüchtlinge in Afghanistan. Wer sie besucht, wird die Bilder nicht vergessen: Menschen, die unter Planen im Staub hocken. Alles, was ihnen blieb: ein Teppich, ein paar Anziehsachen und ein paar Schüssel. Sie verdingen sich als Tagelöhner, verdienen aber so gut wie nichts mehr, weil es ein riesiges Angebot an Verzweifelten gibt, die nicht wissen, wie sie ihre Familien durch den Winter bringen sollen. In Kabul fällt die Temperatur nachts derzeit auf minus zehn Grad. Was die Statistiken nicht dokumentieren, ist die Zahl derer, die auf der Flucht an Krankheiten, Mangelernährung, Erschöpfung oder Kälte sterben.

Niemand registriert, wie viele Menschen traumatisiert sind. Ihre Geschichten handeln von Granaten, die Bauernhöfe treffen, Extremisten, die Universitäten oder friedliche Kundgebungen angreifen, von Regierungssoldaten, die rücksichtslos zurückfeuern, egal, wer in der Schusslinie steht. Manchmal können diese Opfer auch gar nicht mehr reden. Sie haben einfach zu viel gesehen.

 

Wirtschaft steht still

Seit dem Sommer hat die Lage sich weiter verschlechtert. 18.000 Soldaten und Polizisten wurden 2016 in Afghanistan getötet oder verletzt, 35 Prozent mehr als im Vorjahr. Bei all den Schreckensmeldungen aus anderen Weltteilen bekommen wir all das gar nicht mehr mit. Fast die Hälfte des Landes ist inzwischen Kampfzone. Wegen des Krieges steht die Wirtschaft auch in vermeintlich friedlichen Regionen still. Ohne Hilfe aus dem Ausland wäre die Regierung längst kollabiert.

Gleichzeitig strömten seit dem Sommer mehr als eine Million Menschen über die Grenzen. Sie wurden aus Pakistan oder dem Iran herausgedrängt. Das Erste, das sie in den Registrierungszentren lernen, ist der Umgang mit Landminen.

Das Einzige, das selbst grüne Politiker wie Boris Palmer derzeit zu interessieren scheint, ist aber die Frage, wie wir Abschiebungen nach Kabul schönreden können. Dafür scheint ihnen jedes Argument recht, und sei es noch so zynisch.

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